Röntgen ist meistens nicht nötig

Chassaignac-Lähmung

Karl-Heinz Szeifert 30 Mar, 2018 01:00

Bei der Chassaignac-Lähmung handelt es sich um eine Ausrenkung des Radiusköpfchens am Ellenbogengelenk.

Die Subluxation des Radiusköpfchens („auch Morbus Chassaignac bzw. Chassaignac-Lähmung genannt) tritt meist bei kleineren Kindern nach ruckartigem Zug am ausgestreckten, pronierten Arm auf.

Aufgrund des typischen Unfallmechanismus – das Kind wird vom Erwachsenen an der Hand geführt und plötzlich gezogen – ist die Verletzung auch als „Kindermädchen-Ellbogen“ bekannt. Die häufigste Situation ist, das schreiende, sich wehrende Kind an der Hand vom Boden hoch zu ziehen. Es kann aber auch ausgelöst werden, wenn sich das Kind mit einer oder beiden Händen festhält und es kräftig weggezogen wird, oder es an beiden Händen gehalten schnell im Kreis gedreht wird. Ebenso wurde es beim Judo beschrieben, selten durch direkte Traumen. Dabei schlüpft das Speichenköpfchen teilweise nach vorn und distal aus seinem haltenden Ringband (Ligamentum anulare radii) hervor, das dann bei Nachlassen des Zuges zwischen dem Radiusköpfchen und dem Capitulum humeri eingeklemmt ist.

Das Ereignis selbst ist stark schmerzhaft, anschließend bestehen in der Regel nur geringe oder keine Schmerzen mehr, wenn nicht am Arm bewegt oder gezogen wird. Das Kind hält den Unterarm in Schonhaltung in Einwärtsdrehung (Pronation) und leichter Beugung, so dass der Arm wie gelähmt wirkt (Pseudoparese), daher auch der Name Chassaignac-Lähmung.

Die Chassaignac-Luxation tritt typischerweise bei Kindern zwischen einem und vier Jahren auf, - bei Kindern über 5 Jahren existiert sie praktisch nicht mehr. Die Radiusköpfchen-Subluxation ist eine der häufigsten Verletzungen bei Kindern unter 4 Jahren. Dies wird damit erklärt, dass das Ringband (Lig. anulare) kräftiger ist und distal fester am Radiushals verankert ist.

Rö-Ellbogen bei Chassaignac meist nicht nötig!

Die Diagnose erfolgt meist rein klinisch bei typischer Beschwerdesymptomatik, so dass auf eine Röntgenaufnahme verzichtet werden kann. Bereits ambulant kann somit eine Reposition des Radiusköpfchens durch Streckung und rasche Supination im Ellbogen bei gleichzeitigem Druck auf den Radiuskopf erfolgen. Eine Ruhigstellung oder gar operative Therapie ist meist nicht notwendig.

Falls dennoch geröntgt wird, kann es bereits beim Einstellen der a.p.-Aufnahme zu einer Reposition kommen. Denn für eine exakte frontale (a.p.) Aufnahme des Ellenbogens muss der Unterarm in voller Streckung und voller Auswärtsdrehung (Supination) gehalten werden.

Eine Röntgenaufnahme einer Radiusköpfchen-Subluxation ist unauffällig, es besteht keine sichtbare Verschiebung des Radiusköpfchen zum Capitulum humeri, im Gegensatz zur echten Radiusköpfchen-Luxation. Echografisch ist auch kein Erguss nachweisbar.

Sonographisch kann sowohl das knorpelige Radiusköpfchen als auch dessen Stellung dargestellt werden, gleichfalls kann bei einer dynamischen Untersuchung und guter Auflösung des Sonographiegerätes das Ringband direkt abgebildet werden.

Die Reposition: Chassaignac-Manöver nennt sich eine therapeutische Reposition, bei dem es durch gezielte Kraftaufwendung wieder zur Einrenkung des Gelenks kommt. Bei rechtwinklig gebeugten Ellenbogengelenkt wird die pronatierte Hand unter Zug in Supination gebracht, während der Arm im Ellenbogen gestreckt wird. Es kann dann das Zurückschnappen des Radiusköpfchens getastet und gehört werden.

Das Ergebnis: Die Besserung tritt – zum Erstaunen der Angehörigen – unmittelbar ein: Sofort anschliessend ist der Arm wieder voll funktionsfähig. Es wird im Anschluss noch beobachtet, ob das Kind beim Spielen die Hand wieder voll benutzt. Eltern und die kleinen Patienten gehen in der Regel nach der kurzer Beobachtungszeit glücklich und zufrieden nach Haus. Das Risiko einer erneuten Radiusköpfchen-Subluxation liegt bei 5 %, daher sollte den Eltern unbedingt geraten werden, das Kind nicht an der Hand hoch zu ziehen.

Falls mehrere Repositionsversuche fehl schlagen, muss auch an eine andere Verletzung gedacht werden. - Dann muss auch geröntgt werden. Bei rezidivierenden Reluxationen kann eine Gipsschiene für 3 Tage in Supinationsstellung angelegt werden.


Quellen:

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