Ein Panzer für die Schönheit

Giraffenhalsfrauen

kszeifert 29 Apr, 2018 00:00

Die sogenannten "Giraffenhalsfrauen" des Padaung-Volkes tragen von Kindheit an einen schweren Halsschmuck aus Ringen, der die Schultern deformiert und den Hals scheinbar verlängert.

Giraffenhalsfrau

Die Ringe waren früher aus purem Gold, heute bestehen sie allerdings nur noch aus Messing. Der Schmuck wird von den Frauen niemals abgenommen und wird bis zu 10 Kilogramm schwer und bis zu 40 Zentimeter hoch.

Bereits kleine Mädchen werden im Kleinkindalter auf das Tragen vorbereitet und erhalten im Alter von wenigstens fünf Jahren ihren ersten Ring. Jedes Jahr kommt ein neuer Ring dazu. Frauen mit etwa 30 Lebensjahren besitzen dann einen Schwanenhals, der durchaus 30 bis 40 cm lang sein kann. Die Knochen der Halswirbelsäule werden von Kindesbeinen an dadurch verformt und die Schlüsselbeine beim Bewegen automatisch nach unten gedrückt. Die Muskulatur im Hals- und Nackenbereich erschlafft.

Die Padaung-Frauen tragen dabei ihren Halsschmuck mit großem Stolz. Je mehr Ringe eine Frau hat, umso höher ist ihr Ansehen in der Gesellschaft.

Rund um den Halsschmuck der Padaung-Frauen kursieren zahllose Gerüchte und falsche Berichte. Manche stammen von Ethnologen, die spekulative Theorien als Tatsachen hinstellten, andere wurden von Reiseveranstaltern in Umlauf gebracht und von Touristen verbreitet, oft aber auch von Medien übernommen und unüberprüft veröffentlicht.

Findige Geschäftemacher belebten damit den Ethno-Tourismus: Zahlreiche Frauen, die seit Ende der 1980er Jahre von Myanmar nach Thailand flüchteten, werden in Schaudörfern als „Long Neck Karen“ bzw. als „Giraffen(hals)frauen“ vermarktet.

Faszination Giraffenhals - Nicht der Hals wird länger, sondern Schulter, Rippen und Schlüsselbein werden verformt

Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung handelt es sich beim Schmuck der Padaung nicht um einzelne „Ringe“, die nach und nach um den Hals oder um Arme und Beine geschmiedet werden, sondern um hochgängige Spiralen mit 30 bis 40 Zentimetern Durchmesser, die erst beim Anlegen durch geübte, kräftige Frauen (früher Schamanen) Windung um Windung an die Körperform angepasst werden. Das Rohmaterial besteht aus Messing und wird in Myanmar hergestellt. Früher kamen wertvolle Legierungen aus Gold, Silber und Messing oder Kupfer zum Einsatz.

Schon im Mittelalter gelangte die Tradition des Spiralschmucks zu regionaler Berühmtheit. Wiederholt wurden Padaung-Frauen im Königspalast zu Mandalay dem birmanischen Hofstaat als Attraktion vorgeführt und später auf Empfängen des britischen Vizekönigs herumgereicht. Bald interessierten sich Reisende und Anthropologen dafür. Der polnisch-französische Asienforscher Vitold de Golish, der Burma in den 1950er Jahren besuchte, lieferte die erste ausführliche Beschreibung der Padaung und prägte den Begriff „Femmes Girafes“ (Giraffenfrauen). Lange wurde gerätselt, wie sich die Halswirbelsäule der Frauen derart verlängern konnte.

Rö-Bild einer Giraffenhalsfrau

Der amerikanische Arzt Dr. John M. Keshishian holte 1979 eine Padaung vor den Röntgenschirm und lüftet das Geheimnis ihrer Anatomie: Zu seiner Überraschung waren weder die Wirbel noch die Bandscheiben gedehnt. Stattdessen hatte sich der ganze Schultergürtel samt Schlüsselbeinen und oberen Rippen durch das Gewicht des Metalls so stark keilförmig nach unten verformt, dass der Eindruck eines extrem langen Halses entstand. Die flache Schulterspirale, die die hängenden Schultern optisch entschärft, verstärkt diese Täuschung noch.

Den ersten Halsschmuck, eine Spirale von rund 10 Zentimetern Höhe, erhalten die Mädchen im Alter von etwa fünf Jahren. Der Schamane (Bedinsayah) befragt das Hühnerknochenorakel, um einen günstigen Tag zu bestimmen, an dem geübte ältere Frauen den rituellen Akt ausführen. In der Zeremonie werden den Mädchen auch silberfarbene Armreifen und je eine mehrgängige Spirale unter den Knien angelegt. Ihrem Wachstum entsprechend nimmt man die Halsspirale alle zwei bis drei Jahre wieder ab und ersetzt sie durch ein schwereres Exemplar mit mehr Windungen. Mit rund 15 Jahren kommt die vier- bis sechsgängige Schulterspirale dazu: Sie ist flacher als die Halsspirale und hat einen größeren Durchmesser, weshalb sie auf dem Schulteransatz aufliegt und den unteren Rand der Halsspirale verdeckt.

Als Erwachsene, spätestens zur Heirat, erhalten die Frauen jenen Schmuck, den sie vielfach auf Lebenszeit tragen: Die Halsspirale weist dann 20 bis 25 Windungen auf. Zusammen mit der Schulterspirale kann der glänzende Turm aus poliertem Metall 30 Zentimeter und mehr über die Schultern aufragen.

Bis zu 10 Kilogramm wiegt der Panzer auf den Schultern. Das glänzende Korsett kostet Bewegungsfreiheit, es erschwert das Schlucken und die Hygiene. Dennoch wurden Feldarbeit, Wasserholen und der Gang zum Markt traditionell von Frauen verrichtet. In der sengenden Mittagshitze schieben sie sich einen Lappen unter das Halskorsett: Er soll den Schweiß aufsaugen und verhindern, dass sich die Kehle an der Spirale wund reibt. Für ein Minimum an Komfort betten die Frauen das Haupt zur Ruhe auf einen Schemel.

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Damit die Spiralen ihren goldgelben Glanz behalten, ist sorgsame Pflege erforderlich: Sie werden regelmäßig mit nassem Stroh gereinigt und anschließend mit weißen Kunstperlenketten poliert. Erstaunlicherweise kommen Padaung-Frauen trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit mit steilem Gelände (Terrassenfeldbau) und Leitern (Pfahlbauten) zurecht, während die Mädchen gern Volleyball spielen. Auf ihre Gesundheit und Lebenserwartung scheint das Gewicht des Schmucks keine nachteiligen Folgen zu haben. Die verbreitete Behauptung, Frauen mit Halsschmuck müssten mit Strohhalmen trinken, weil sie den Kopf nicht zurückneigen können, ist überdies falsch: Das Glas etwas höher zu neigen genügt.

Zur Abnahme des Schmucks wird der Durchmesser der eng anliegenden Spiralen manuell erweitert. Wer sich einer medizinischen Untersuchung (z. B. Röntgen) unterzieht, legt das Geschmeide aus ästhetischen Gründen danach meist wieder an, da die Haut darunter Striemen und Quetschungen aufweist und hell verfärbt ist. Außerdem werden die hängenden Schultern sichtbar, und nach jahrelangem Tragen kommt dem Panzer eine beachtliche Stützwirkung zu, ohne die der Kopf nur unter Anstrengung aufrecht gehalten und kaum gedreht werden kann. Frauen, die den Halsschmuck für immer ablegen, klagen anfangs über starkes Unbehagen: Sie behelfen sich mit Nackenstützen und liegen viel. Der Muskelschwund ist unübersehbar, die Gefahr, sich bei einem Sturz das Genick zu brechen, erhöht. Während sich die Halsmuskulatur aber rasch wieder erholt, sind die Deformationen des Skeletts irreversibel. Zum Kaschieren der hängenden Schultern tragen die Frauen oft einen breiten Schal.

Kind zur Schau gestellt

Die Realität sieht anders aus: Der vermeintliche Einblick in „archaische“ Welten samt indigener Musik- und Tanzdarbietungen ist zu einer einer kafkaeske Show für Touristen entartet.

In den späten 1980er Jahren wurde in der angrenzenden nordthailändischen Provinz Mae Hong Son das erste „Long Neck“-Schaudorf eröffnet. Den Frauen, die es bezogen, schien ein Leben im Freilichtmuseum sinnvoller als untätig in einem UN-Flüchtlingslager auf das Ende des Konflikts in Myanmar zu hoffen. Das Tourismusprojekt wurde ein Renner, und bald entstanden weitere Dörfer in Grenznähe. Der Alltag der Frauen ist jedoch trist. Sie verkaufen ihr Konterfei auf Postkarten, weben, bieten Souvenirs feil und leiden nicht nur darunter, dass sie die Dörfer nicht verlassen dürfen. Zwar sind sie seit jeher an neugierige Blicke gewöhnt, auch das Klicken der Kameras macht ihnen nichts aus, oft müssen sie aber hinnehmen, dass ihre Privatsphäre verletzt wird. Dafür sorgen Aufpasser, die die zahlende Kundschaft zufriedenstellen wollen: Für ein Eintrittsgeld von 250 Baht (ca. 5 Euro) pro Person führen sie die Frauen gelegentlich vor und öffnen sogar die Rückenteile ihrer Blusen, um die hängenden Schultern zu demonstrieren.

Quellen: Die obige Beschreibung stammt aus dem Wikipedia-Artikel “Padaung“, lizenziert gemäß CC-BY-SA. Eine vollständige Liste der Autoren befindet sich hier
Weitere Quelle: http://www.bjj.boneandjoint.org.uk/content/43-B/1/114.full.pdf

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