Tricho-Röntgenepilierungs-System

Tödlicher Schönheitswahn

Karl-Heinz Szeifert 25 Jun, 2019 00:00

Das Tricho-System zur Haar-Entfernung mittels Röntgenstrahlen wurde ab dem Jahr 1910 bis in die 1940er-Jahre in US-amerikanischen Schönheits-Salons als absolut schmerzlose Methode angeboten.

Ein Beitrag von Adrian Heuss, Basel - Erstveröffentlichung auf www.sciencesofa

Bis in die 1940er-Jahre hinein ließen sich viele amerikanische Frauen in Beauty-Salons mit starken Röntgenstrahlen behandeln, um auf einfache Weise ihre Haare zu entfernen. Obwohl schon damals klar war, dass solche Strahlung zu Krebs führen kann, spielten die Anbieter dieser Röntgen-Haarentfernungsmethode die Gefahren für die Gesundheit herunter. Das Geschäft war einfach zu verlockend.

Eire, US-Bundesstaat Pennsylvania, im Jahre 1930. M. B., nennen wir sie Monica Butterworth, 35-jährig, eitel, lag in der Badewanne und rasierte sich das Gesicht. Monica litt seit ihrer Pubertät an ziemlich starker Gesichtsbehaarung. Eine «mittelschwere Hypertrichosis» hatte es der Doktor genannt. „Du siehst aus wie ein Bär“, sagte ihr Mann.

Ein tödliches Gerät: Röntgenapparat zur Haarentfernung

Monica war aber keineswegs betrübt bei ihrer Sisyphus-Rasierarbeit, im Gegenteil. Denn sie hoffte, dies könnte ihre letzte Gesichtsrasur sein. Angelina, ihre beste Freundin, hatte ihr nämlich von Madame von Sternfeldt erzählt. Die deutsche Einwanderin war im pennsylvanischen Ort Eire stadtbekannt, sie führte einen Schönheitssalon an der 1106 State Street. Seit kurzem bot sie dort eine revolutionäre Technik der Haarentfernung an. Angelina hatte drei Stunden lang geschwärmt, „absolut schmerzlos, mit dieser Methode haben sie sogar eine bärtige Lady in Kentucky geheilt“. Sie hatte irgendetwas von Röntgenstrahlen erzählt und dass die Haare nach einigen Sitzungen dauerhaft ausfallen würden.

„Von wegen Schönheit muss leiden“, dachte sich Monica. Am nächsten Morgen stieß sie die Tür zu Madame von Sternfeldts Salon auf und erkundigte sich nach der neuen Errungenschaft. Nach kurzer Erklärung buchte sie ihre erste von mehreren Vier-Minuten-Behandlungen. Sie ließ sich in den Sitz fallen, das Röntgengerät sprang an und der Duft von Ozon stieg ihr in die Nase. Monica ahnte nicht, auf was sie sich da eingelassen hatte.

Als sie nach Hause kam, schälte sie sich aus ihrem Mantel und erzählte voller Begeisterung ihrer Schwester von der neuen Methode. Monica ging von nun an alle zwei Wochen in den Salon. Nach einigen Sitzungen begannen tatsächlich die Haare im Gesicht auszufallen.

Eine neue Art von Strahlen

Wilhelm Röntgen hat im Jahre 1895 die Röntgenstrahlen entdeckt. Er veröffentlichte seine Entdeckung in einer Arbeit mit dem Titel „Über eine neue Art von Strahlen“. Da er nicht genau wusste, was für Strahlen das waren, nannte er sie einfach X-Strahlen (im Englischen heißen Röntgenstrahlen daher „x-rays“). Die Nachricht über die ominösen Strahlen verbreitete sich rasch um den Globus. Jeder konnte die Apparate, die Röntgenstrahlen produzieren, frei nutzen, da Röntgen seine Entdeckung mit Absicht nicht hatte patentieren lassen. In der Folge richteten Forscher die Röntgenstrahlen auf alles, was auf Erden kreucht und fleucht. Manche Forscher untersuchten, welchen – möglicherweise heilenden – Effekt die Strahlen auf krankes Gewebe haben, zum Beispiel auf von Krebs befallenes Gewebe. Andere wiederum untersuchten, welchen – möglicherweise schädigenden – Effekt die Strahlen auf gesundes Gewebe haben.

Bereits ein Jahr nach Röntgens Veröffentlichung stellte sich heraus, dass Röntgenstrahlen nicht nur ungeahnte Blicke ins Innenleben des menschlichen Körpers ermöglichen, sondern auch, dass die Strahlen Haare ausfallen lassen. An den Beinen, am Rücken, im Gesicht.

Zur vermeintlich guten Nachricht gesellte sich jedoch eine schlechte. An Hautstellen, die zu intensiv bestrahlt wurden, zeigten sich oft Runzeln, Verbrennungen oder Gewebeschwund. Keratosen konnten entstehen, Monate oder Jahre später fingen Geschwüre an zu wuchern, bis schließlich Krebs ausbrach. Bereits im Jahre 1909 belegten Wissenschaftler diese fatalen Nebenwirkungen in einer wissenschaftlichen Publikation. In den Folgejahren kamen weitere Studien hinzu, welche die Gefahr aufzeigten und vor intensiver Röntgenbestrahlung warnten. Mitte der 20er-Jahre war den meisten Medizinern klar, dass zu viel Röntgen schadet und zu Krebs führen kann.

Leicht verdientes Geld

Einige Quacksalber wollten davon jedoch partout nichts wissen und schlugen alle Warnungen in den Wind. Sie verkauften die Röntgenstrahlen weiterhin als probates Mittel, um Haare ausfallen zu lassen. Das hatte vor allem einen Grund: leicht verdientes Geld. Denn diese Art der Haarepilierung entwickelte sich rasch zu einem Riesengeschäft. Eines der führenden Unternehmen in diesem Bereich war die Tricho Sales Corporation. Deren Gründer, der Mediziner Albert C. Geyser, baute innerhalb weniger Jahre ein Netzwerk an Schönheitssalons auf, denen er seine Röntgengeräte auslieh. Das Personal der Salons bekam einen Crash-Kurs in der Bedienung der Geräte und wurde dann auf die Klientinnen losgelassen.

Geyser nutzte die Tatsache aus, dass die Gesundheitsbehörden New Yorks ihm vorschnell eine Erlaubnis für seine Geräte erteilt hatten. Damit machte er ungeniert Werbung. In Zeitungsinseraten wurde die neue, „schmerzlose Methode“ zur Haarentfernung angepriesen – „amtlich bewilligt“. Er behauptete, dass seine Geräte so verändert seien, dass sie keinen Schaden anrichten würden. Von Röntgenstrahlen war daher meist keine Rede, stattdessen von „Vibrationen“ oder von einer „neuen elektrischen Erfindung“. Auf Kritik entgegnete er einmal mit der haarsträubenden These: „Die Tatsache, dass diese Geräte in Schönheitssalons installiert werden sowie die Tatsache, dass die Klientel dieser Salons bekanntlich eine sehr kritische ist, beweist doch, dass dieses System sehr zufriedenstellend ist – solange keine gegenteiligen Hinweise auftauchen“.

Die Schattenseiten des Booms

Rasch breitete sich das Tricho-System aus, über mindestens 75 amerikanische Städte und bis nach Kanada. Und ebenso rasch zeigten sich die Schattenseiten des Röntgenbooms. In ganz Amerika wurden Hautärzte mit immer mehr Fällen von Patientinnen mit Hautgeschwüren und Hautkrebs konfrontiert.

Im Jahre 1929 publizierte die medizinische Fachzeitschrift Journal of the American Medical Association einen Aufruf an alle Mediziner und Besitzer von Schönheitssalons. Der Aufruf ließ kein gutes Haar an der Methode. Die Betreiber wurden aufgefordert, den Einsatz der Röntgengeräte sofort einzustellen. Allerdings verhallte der Aufruf mehr oder weniger wirkungslos. Ein Jahr später kollabierte zwar die Tricho Sales Corporation, weil einige Kundinnen Klagen eingereicht hatten und die Firmentore angesichts des sich anbahnenden juristischen Debakels geschlossen wurden. Der Spuk ging aber weiter. Nun kamen Trittbrettfahrer ins Spiel; neue Firmen, mit neuen Geräten, neuen Slogans und altbekannten Nebenwirkungen.

Im Oktober 1947 erschien ein weiterer Artikel im Medizinjournal Journal of the American Medical Association. Der Artikel umfasste eine lange Liste von Patientinnen, darunter: „Mrs E. B. (30 Jahre alt), Backen und Kinn zeigen Runzeln und Gewebeschwund. Derart deprimiert aufgrund ihrer Verunstaltung, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen.“ Die beiden Autoren des Artikels bezeichneten das ganze System der Röntgenepilierung als „ein neues Monster, das um die Ecke lugt“. Und: „Der Schaden, der Mädchen und Frauen in den 20er-Jahren angetan wurde, wird nun in den 30er- und 40er-Jahren wiederholt. Man kann sogar voraussehen, dass bald auch Knaben und junge Männer davon betroffen sein werden, weil ein Patent auf einen Röntgen-Rasierer beantragt worden ist.“ Zum Glück setzte sich dieser Röntgen-Rasierer nie durch.

Grausiges Ausmaß

Einige Jahre später war der Spuk endgültig vorbei. Das grausige Ausmaß offenbarte sich aber erst Jahrzehnte später. Ein Team von Wissenschaftlern fand in den 70er-Jahren in einer Studie heraus, dass mehr als 35 Prozent aller Krebsfälle bei Frauen, die aufgrund von Strahlung entstanden sind, mit Röntgenenthaarung zusammenhängen. Manche Experten schätzen, dass Hunderttausende den Duft des Ozons gerochen haben.

Im Jahre 1976 schrieb Steven Lapidus, ein Hautarzt aus Erie, US-Bundesstaat Pennsylvania, einen Fachartikel in einem unbedeutenden Krebsjournal. Er beschrieb darin fünf Fälle von Hautkrebs-Patientinnen aus seiner Praxis. Unter anderem erwähnte er die Patientin M.B., nennen wir sie Monica Butterworth. Monica, die vor vielen Jahren das Studio von Madame von Sternfeldt besucht hatte, ist mittlerweile 81 Jahre alt. Ihre gesamte linke Gesichtshälfte ist von einem Tumor von der Grösse einer Grapefruit zerfressen. Bei ihrer Schwester, der sie vor Jahren von den Vorzügen der Röntgenepilierung vorgeschwärmt hatte, hat der Krebs den kompletten Unterkiefer zerstört.


Quellen:

  1. Nothing but a ray of light, New Scientist, September 2007
  2. Rebecca Herzig, Removing roots, North american hiroshima maidens, Technology and culture, Vol 40, No. 4
  3. Steven Lapidus, The Tricho System: Hypertrichosis, Radiation, and Cancer, Journal of Surgical Oncology, Vol 8, Seite 267
  4. Cipollaro, A. C., and Einhorn, M. B. The use of X rays for the treatment of hypertrichosis is dangerous, JAMA, Vol 135, Seite 349

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