Den Röntgenstrahlen ausgesetzt

Gesundheitsschäden durch militärische Radaranlagen

rockpop 30 Jan, 2019 00:00

Radarwellen zählen nicht nicht zu den ionisierenden Strahlungen. Dennoch erlitten zwischen 1950 und 1980 eine unbestimmte Anzahl von Soldaten und Zivilangestellten der Bundeswehr und der NVA Gesundheitsschäden durch militärische Radaranlagen.

Sie waren dabei teilweise der Röntgenstrahlung und Mikrowellenstrahlung der Geräte ausgesetzt. Eine größere Anzahl dieser Personen entwickelte später Krankheiten, vor allem Krebs, der mit der Röntgenstrahlung in Verbindung gebracht wird.

Der Zusammenhang einer Krebserkrankung mit den dienstlichen Tätigkeiten an den Radargeräten wurde Stand 2006 bei 679 von 3500 Antragstellern von Entschädigungsanträgen anerkannt. Mehrere Hundert Menschen sind bereits an den Folgen gestorben. Pro Monat sterben nach Schätzungen mehrere Erkrankte.

Mindestens fünf Kinder von ehemaligen Radarsoldaten, die teilweise mittlerweile erwachsen sind, haben körperliche Behinderungen. Die Betroffenen führen dies auf die Strahlungsexposition der Väter zurück. Dazu zählen vor allem schwere Fehlbildungen an Armen und Beinen, etwa sechsfingrige Hände und verkürzte Beine.

Abb. 1

Abb. 1 Röntgenaufnahme einer linken Hand mit sechs Fingern, wie bei einem der betroffenen Kinder.


Bereits 1961 war dem Chefarzt des Kinderkrankenhauses Josefinum in Augsburg aufgefallen, dass drei Kinder ähnliche Fehlbildungsmuster aufwiesen, deren Väter alle an Radaranlagen der Bundeswehr arbeiteten. Wegen dieser für ihn auffälligen Häufung hatte er nach eigener Angabe „das Innenministerium und die zuständigen Strahlenforschungsinstitute um Aufklärung gebeten“, ohne jedoch die Eltern über seine Vermutung zu informieren. Grundsätzlich ist bekannt, dass Röntgenexpositionen der Fortpflanzungsorgane mutagen wirken, also zu strahleninduzierten Mutationen führen können. Die Radarkommission befasste sich nicht mit dieser Thematik, es gibt auch keine wissenschaftlichen Studien dazu. Angesichts der für statistische Zwecke sehr geringen Fallzahl ist es prinzipiell kaum möglich, eine wissenschaftlich gesicherte Aussage darüber zu treffen, ob die Behinderungen mit der Strahlung zusammenhängen. Die Betroffenen versuchen, auf dem Weg der Zivilklage Kompensationszahlungen zu erzielen.

Abb. 2

Laut der Radarkommission war der Bundeswehr ab etwa 1958 das Problem der Röntgenstrahlung aus Radargeräten bekannt. Nach Aussagen von Soldaten und Dokumenten wurden jedoch erst ab 1976 bei der Bundesmarine, dann ab den frühen 1980er Jahren generell Warnungen ausgesprochen, Warnhinweise angebracht und Schutzmaßnahmen ergriffen. In den 1960er und 1970er Jahren waren die Bundeswehrsoldaten und -techniker weitgehend unwissend über die Gefahren, ebenso wie die der NVA der DDR.


Abb. 2 Schaltröhre einer sowjetischen P-15 (Flat Face)- Radaranlage. Röntgenstrahlung entsteht beim Auftreffen der Elektronen auf die Innenseite der Anode (quadratisch gebogenes Blech)


Es gab auch keine vorgeschriebenen Maßnahmen zum Strahlenschutz wie das Tragen von Bleischürzen.
Noch in den 1990er Jahren bestritt die Bundeswehr jeglichen Zusammenhang zwischen Radargeräten und Erkrankungen. Kranke Soldaten mit komplexen Krankheitsbildern wurden teilweise als Hypochonder eingestuft. Der Öffentlichkeit wurde das Thema ab etwa 2001 bekannt, als in einem Spiegel-Artikel Auszüge aus einer noch unfertigen Studie der Universität Witten/Herdecke zitiert wurden, die extrem hohe Erkrankungsraten suggerierten.

Laut der Auskunft eines anonym bleibenden Informanten im Bundesverteidigungsministerium gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters im Jahr 2002 hatte das Ministerium auch alle anderen NATO-Staaten über die Untersuchungen in Deutschland informiert. Diese hätten jedoch geantwortet, dass ihnen keine Krebsfälle im Zusammenhang mit Radarstrahlung bekannt seien. Dies wurde mit Hinweis auf den Einsatz identischer Radargeräte in allen NATO-Staaten inklusive der USA teilweise angezweifelt.

Auch in der zivilen Luftfahrt werden Radaranlagen eingesetzt, vor allem zur Flugsicherung. Es sind jedoch bisher keine Fälle bekannt geworden, bei denen ziviles Radarpersonal ähnliche Schäden erlitten hätte.

Quelle: Die obige Beschreibung sowie die Bilder stammen teilweise aus dem Wikipedia-Artikel Gesundheitsschäden durch militärische Radaranlagen, lizenziert gemäß CC-BY-SA. Eine vollständige Liste der Autoren befindet sich hier.

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