Thorax: Bleischürze - sinnvoll o. Feigenblatt?

kszeifert 8 Jul, 2011 10:00

Zitat: "Im Strahlenschutz wiegt ein Gramm Gehirn mehr als eine Tonne Blei !"  - Prof. F. Wachsmann


Welchen Einfluss hat  eine Bleigummi-Abdeckung beim Patienten während einer Röntgen-Thorax-Untersuchung auf die Gonadenbelastung.

Immer wieder wird die Frage gestellt, wie bei einer Thoraxaufnahme der Strahlenschutz angebracht werden muss: Schürze vorne, hinten oder rundum? Und bis zu welchem Alter ist das gefordert bzw. sinnvoll?



Am Beispiel der am häufigsten durchgeführten Thorax-Röntgenaufnahme hat die Uniklinik Basel in einer Studie bereits 1991 gezeigt, welche Wirkung die Tragweise einer Bleigummi-Abdeckung auf die Gonadendosis hat.

Vorweg das Resultat:


  • Ein Schutz mittels Halbschürze auf der Filmseite reduziert die Gonadendosis zumindest beim Mann stärker als ein Schutz auf der Röhrenseite.

  • Richtiges Einblenden bringt das beste Ergebnis

  • Das Anlegen von Halbschürzen wird weiterhin empfohlen.

  • Die statistisch abgesicherte strahlenbiologische Vernunft walten lassen.

Welche Wirkung die unterschiedliche Tragweise der Bleigummi-Abdeckungen auf die Gonaden hat wird im nachstehenden Artikel erläutert und beschrieben,

Vorangestellt muss festgestellt werden, dass die Gonadenbelastung ohne Gonadenschutz bei einer Thoraxaufnahme lediglich 0,5 µGy bei der Frau und 0,2 µGy beim Mann beträgt. Das entspricht etwa einer  mittleren natürlichen Strahlenexposition während etwa 2 Stunden bzw. einer halben Stunde. Mit einer Rundum-Schürze wären das noch bei einer Frau etwa 0,4 µGy und bei einem Mann nur noch 0,03 µGy Gonadenbelastung. Generell sind also die Organdosen außerhalb des Nutzstrahlenfeldes bei Thoraxaufnahmen sehr klein.


Wie nicht unbedingt erwartet, kann ein Schutz auf der Filmseite die Gonadendosis zumindest beim Mann stärker reduzieren als ein Schutz auf der Röhrenseite. Daraus kann geschlossen werden, dass die Rückstreuung vom Wandstativ grösser ist als die Durchlass- und Streustrahlung vom Röhrengehäuse inkl. Schwächung durch den Körper. An den Ovarien beträgt die Dosiseinsparung jedoch bestenfalls - d.h. bei allseitiger Abschirmung  15 %, selbst bei nicht optimaler Einblendung. Dies ist im Strahlenschutz eine nur geringe Einsparung.

Ausser den Gonaden gibt es natürlich noch weitere strahlensensible Organe wie rotes Knochenmark, Dickdarm, Lunge, Magen, Blase, Brust, Leber, Speiseröhre, Schilddrüse. Der erforderliche Strahlenschutz ist auch für diese Organe zu beachten.

Entscheidend für deren Dosen ist ihre Distanz zum Rand des Nutzstrahlenfeldes. Dies kann am wirkungsvollsten mit der Feldgröße und einer entsprechenden Einblendung beeinflusst werden.

Das richtige Einblenden nutzt viel mehr!

Es gibt wirkungsvollere Massnahmen als eine Bleigummiabdeckung zum Schutze des Patienten. Diese können zwar nicht so offensichtlich zur Schau gestellt werden wie eine „Bleischürze“, können aber wesentlich mehr zum Strahlenschutz beitragen.
Die zur technischen Durchführung von Röntgenaufnahmen berechten Berufsgruppen (MTA-R, MFA mit Röntgenschein, Ärzte mit Fachkunde, bzw. mit Kenntnissen im Strahlenschutz)  müssen diese kennen und versuchen, sie sinnvoll umzusetzen. Die Einblendung des Nutzstrahlenfeldes spielt hier unter anderem eine ganz entscheidende und wichtige Rolle.

Durch vermehrte Einblendung wird:


  • weniger Gewebe exponiert, (eine Einblendung von 35 cm x 40 cm auf 30 cm x 35 cm bedeudet:  25 % weniger Gewebe wird bestrahlt.

  • weniger Streustrahlung erzeugt (damit werden Organe ausserhalb des Nutzstrahlenfeldes weniger exponiert),

  • der Abstand zwischen Feldrand und Organen ausserhalb des Nutzstrahls vergrössert und

  • die Bildqualität wird zudem deutlich verbessert (durch weniger Streustrahlung).

In Bezug auf die Ovariendosis hat die Einblendung einen wesentlich größeren Einfluss als die Verwendung einer optimalen Rundum-Bleigummiabdeckung (0.5 mm Pb), sofern einigermassen vernünftig oberhalb des Bleigummi-Randes eingeblendet wird. In diesem Fall lässt sich die Gonadendosis praktisch unabhängig von einer Bleigummiabdeckung durch unterschiedliche Einblendung bis zu einem Faktor 5 verändern. Durch 1 cm zusätzliche Einblendung des unteren Feldrandes wird die Ovariendosis um etwa 20 % reduziert.

Was können wir tun?

Mit der Beachtung der folgenden Massnahmen kann die Strahlenexposition des Patienten so klein wie vernünftigerweise praktikabel gehalten werden:


  • kleinstmögliche Einblendung (auf jeden Fall: Feldgrösse kleiner als Filmgrösse bzw. als Grösse des Bildempfängers; Voraussetzung dafür ist die Übereinstimmung von Licht- und Strahlenfeld)

  • empfindliches Bildsystem (Film-Folien-Kombination, Durchleuchtung mit Speicherbild usw.)

  • regelmässige Konstanzprüfungen, Interpretation der Resultate und erforderliche Massnahmen einleiten

  • Ausbildung des Personals in Indikationsstellung, Einstelltechnik und praktischem Strahlenschutz

  • Die Gonadenbelastung  ist heutzutage wegen weniger Gehäusedurchlassstrahlung aus Blenden und Strahlergehäuse, empfindlchere Bildempfänger relativ niedrig, aber nicht gleuch null!. Außerdem kann der Streustrahlenanteil, der seinem Weg vom Nutzstrahlenfeld zu den Gonaden weitgehend durch den Körper nimmt, eh nicht abgeschirmt werden. Dennoch empfiehlt sowohl mta-r.de, als auch  namhafte Strahlenschützer - wenn möglich - die Nutzung der Halbschürzen, um so zumindest der nicht zu verachtenden positiven psychologischen Wirkung dieser Maßnahme auf die Patienten Rechnung zu tragen.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen


  • Bleigummiabdeckungen in Form von Halbschürzen bringen praktisch keinen Nutzen für die Patienten (obwohl sie in der Röntgenverordnung - als Minimalausrüstung mit einem Bleiäquivalent von 0.25 mm - gefordert sind).

  • Wenn Bleigummiabdeckungen nutzbringend angewendet werden sollen, dann müssen Rundumschürzen mit einem Bleiäquivalent von 0.5 mm oder Hodenkapseln (1 mm Blei) verwendet werden.

  • Die Dosen an Organen ausserhalb des Nutzstrahls (insbesondere der Gonaden) sind heute aufgrund verbesserter technischer Voraussetzungen und verbesserter Ausbildung (Einblendung) wesentlich kleiner als vor zehn Jahren.

  • Eine Bleigummiabdeckung beim Mann (Hodenkapsel) ist sinnvoll und wirksam bei Abdomen- und Becken-Röntgenaufnahmen sowie CT-Untersuchungen. Bei einer Durchleuchtung wird grundsätzlich die Anwendung von Bleigummi-Abdeckungen empfohlen.

  • Aber Achtung: Bei Durchleuchtungen ist die Anwendung von Bleigummiabdeckungen besonders sorgfältig zu beachten. Wenn der Nutzstrahl auf Bleigummi trifft, so kann wegen der automatischen Dosisleistungsregulierung die Strahlenexposition um mehr als das Zehnfache steigen.

  • Dem Strahlenschutz wird kein Dienst erwiesen, wenn der Patientin oder dem Patienten ein Schutz vorgetäuscht wird, der nicht vorhanden ist („Bleigummi-Deckmantel“). Es gibt aber wirkungsvolle Schutzmassnahmen, die zu beachten und einzuhalten sind.

Bis zu welchem Alter  sind Bleiabdeckungen, bzw Hodenkapseln anzulegen?

Es gibt beim Anlegen von Gonadenschutz, speziell auch der Hodenkapseln keine offizielle, d.h. strahlenschutzrechtlich tragbare Altersgrenze. Bis zu welchem Alter muss die Hodenkapsel jetzt angelegt werden? Es gibt  z.B. 50-jährige Patienten, die sie ablehnen und mitteilen sie seien sterilisiert, Andernfalls möchten manche 80-jährige sie unbedingt haben, weil sie sich an Charly Chaplin messen. Die Ärztliche Stelle Hessen zum Beispiel gibt das 60. Lebensjahr als Grenze an.

Man sollte einfach beim Anlegen bzw. Anbieten von Gonadenschutz bei Röntgenuntersuchungen bei Mann und Frau eine gewisse statistisch abgesicherte strahlenbiologische Vernunft walten lassen.

Tipp: Eine kurze Anleitung zum richtigen Anlegen einer Hodenkapsel und Infos über andere Strahlenschutzmittel gibt es übrigens als Sript zum Free-Download unter:   http://mta-r.de/downloads/?did=25

Quellennachweise:


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