Faszinierendes Cs-137

Der Goiânia-Unfall 2812

Karl-Heinz Szeifert 28 Dec, 2018 00:00

Das faszinierend blau leuchtende Cäsium 137 führte 1987 in Goiânia/Brasilien zu einem ernsten Atomunfall!

Der Goiânia-Unfall ereignete sich 1987, als in der brasilianischen Stadt Goiânia radioaktives Material gestohlen und von den Dieben unter Freunden und Bekannten verteilt wurde. Als Folge starben vier Personen. Teile der Stadt sind bis heute radioaktiv belastet. Der Unfall wurde auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) mit Stufe 5 eingestuft. als ein ernster Unfall mit einer begrenzten Freisetzung von einigen 100 bis einigen 1.000 TBq. Beim Goiânia-Unfall entwichen ca. 44 TBq an Aktivität. …

Goiânia ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Goiás. Sie liegt in Zentralbrasilien auf einer Hochebene etwa 750 Meter über dem Meeresspiegel. Sie hat etwa 1,3 Millionen Einwohner, das Gemeindegebiet umfasst etwa 750 Quadratkilometer. Die Entfernung zur Hauptstadt Brasília beträgt etwa 200 Kilometer, zum Wirtschaftszentrum São Paulo sind es 950 Kilometer. …

Der Ablauf des Unfalls: Was war passiert:

Zwei Diebe drangen am 13. September 1987 in das Goiânische Institut für Radiotherapie, eine verlassene Klinik in Goiânia, ein und entwendeten dort mit einer Schubkarre ein seit zwei Jahren ausgedientes Strahlentherapiegerät, weil sie das Metall für wertvoll hielten. Sie öffneten das Gerät teilweise in einem Hinterhof und erlitten Verbrennungen durch Betastrahlen. Da sie nicht in der Lage waren, das Gerät weiter auseinanderzubauen, verkauften sie es an einen Schrotthändler, um aus dem Altmetall Profit zu schlagen.

Beim Zerlegen des Geräts öffnete dieser den Bleibehälter mit dem radioaktiven Cäsium-137, sodass dieses aus dem Gerät entweichen konnte. Das in der Dunkelheit blau leuchtende Pulver, das normalem Kochsalz stark ähnelt, faszinierte den Schrotthändler, sodass er es mit nach Hause nahm und es an Familienmitglieder und Bekannte weitergab. Der Schrotthändler wollte seiner Frau aus dem blau leuchtenden Material einen Armreif fertigen. Da das Salz die Luftfeuchtigkeit anzieht, haftet es leicht an Körper und Kleidung und vereinfacht die Verbreitung.

Die Ehefrau des Schrotthändlers bemerkte die gleichzeitige Erkrankung vieler Freunde zuerst, führte sie aber auf ein gemeinsames Getränk zurück. Viele Betroffene gingen zuerst zu Apotheken, dann zu Hausärzten und zuletzt in Krankenhäuser. Die konsultierten Ärzte hielten die Symptome jedoch für eine neuartige Krankheit.

Am 28. September verdächtigte die Frau des Schrotthändlers erstmals den Behälter als Ursache der Krankheiten und brachte ihn in ein Krankenhaus. Der dortige Arzt vermutete korrekterweise Radioaktivität und brachte den Behälter außerhalb des Krankenhauses, und deponierte ihn auf einen Stuhl im Garten.

Die Frau hatte den Behälter (aus dem bereits 90 % der radioaktiven Substanz entwichen waren) in einer Plastiktüte im Bus transportiert und ihn auch im Krankenhaus nicht geöffnet, was vielen Menschen das Leben rettete. Auch die Strahlendosis im Bus war nicht gesundheitsgefährdend.

Ein Tag später wurde durch Spezialisten mittels eines Szintillationszählers der nationalen Atomenergiebehörde die Kontamination festgestellt. Das behördliche Notfallprogramm setzte ab diesem Zeitpunkt ein. Die Regierung wurde später jedoch beschuldigt, eine Zeit lang den Unfall vertuscht und der Zivilbevölkerung alarmierende Daten vorenthalten zu haben.

Mittlerweile waren bereits zahlreiche Personen zum Teil hohen Strahlendosen ausgesetzt. Vier Menschen starben an den Folgen dieser Bestrahlung, 28 erlitten strahlungsbedingte Hautverbrennungen.

Das mit Beton umgossene bleierne Grab

der 6-jährigen Nichte des Schrotthändlers

In den darauf folgenden Tagen wurden an allen Einwohnern und deren Umgebung Kontaminationsmessungen durchgeführt. 112.800 Personen wurden untersucht, 249 wurden als kontaminiert identifiziert. Es zeigte sich, dass das radioaktive Material über mehrere Wohnbezirke verschleppt worden war, ganze Straßenzüge und Plätze waren betroffen. Evakuierte Personen wurden in das Olympiastadion der Stadt gebracht, wo ein provisorisches Zeltlager aufgebaut wurde.

Insgesamt waren 85 Häuser kontaminiert. Über 200 Menschen mussten aus 41 massiv kontaminierten Häusern evakuiert werden. Zur Dekontamination mussten sieben Gebäude vollständig abgerissen werden. In den Gärten und in öffentlichen Parkanlagen musste teilweise die oberste Erdschicht abgetragen werden.

Verletzungen und Tote unter den Beteiligten

  • Die 6-jährige Nichte des Schrotthändlers starb am 23. Oktober. Der Bruder des Schrotthändlers hatte den Behälter gereinigt, wobei Staub auf den Boden fiel, von dem sie später aß. Sie wurde in einem bleiernen Sarg mit Zementmantel begraben. Nach anderer Darstellung erhielt sie von ihrem Vater radioaktive Substanz, womit sie sich einrieb und später, ohne sich die Hände zu waschen, aß.
  • Die Frau des Schrotthändlers Strahlendosis: 5,4 Gray starb ebenfalls am 23. Oktober.
  • Zwei der Gehilfen des Schrotthändlers starben wenige Tage später ebenfalls an den Folgen der Bestrahlung (4,5 und 5,3 Gray)
  • Der Schrotthändler selbst erlitt eine Strahlendosis in Höhe von 7,0 Gray, überlebte jedoch. Er machte sich über die Situation lustig, forderte Geld für Fotografien und Interviews und führte sein Überleben auf seinen starken Bier- und Schnapskonsum zurück. Später heiratete er erneut. Er starb 1994.
  • Der Bruder des Schrotthändlers malte sich ein blau leuchtendes Kreuz auf sein Hemd. Er verschleppte die Kontamination auf seinen Bauernhof, wo mehrere Tiere starben. Auch er starb einige Jahre später.
  • Einer der beiden Diebe verlor seinen Arm durch Amputation aufgrund der Bestrahlung.


Abb. rechts: Der radiologische Unfall in Goiânia erzeugt 13 Tonnen Atommüll, die in zwei Gräben begraben wurden - 30 Meter tief mit Beton ausgekleidet und mit Erde bedeckt in den State Park Telma Ortegal in Goiania. (Foto: Google Maps)


Schaden für die Stadt

Trotz des gewaltigen Aufwands, der für die Dekontamination betrieben wurde, werden auch heute noch in einigen der damals betroffenen Straßenzüge und Plätze erhöhte Strahlendosiswerte gemessen. Der Unfall hatte daher für die Stadt und Region Goiânia auch wirtschaftlich gravierende Folgen.

  • 85 kontaminierte Häuser, davon 41 evakuiert und 7 abgerissen
  • 112.800 Personen wurden untersucht, 249 davon waren kontaminiert, 49 wurden interniert, 21 intensiv, davon vier Todesfälle (siehe oben).
  • Insgesamt 13,4 Tonnen Atomabfall, 3.500 Kubikmeter, wurden in Fässer verpackt und schließlich einige Jahre später in ein betoniertes “Endlager” vergraben, das ganz im George Orwellschen Stil Landesnaturschutzgebiet “Parque Estadual Telma Ortegal” genannt wurde. Der insgesamt 150 Hektar große 1995 gegründete “Naturpark” besteht offiziell aus einer Naturschutzzone von nur 4,99 Hektar. Der erheblich größere Rest ist faktisch Atommülldeponie. Die 14 Containern müssen mindestens für 180 Jahre sicher gelagert werden
  • Sämtlicher Inhalt der abgerissenen Häuser wurde auf Kontamination untersucht und bei bestätigter Kontamination (und großem persönlichem Wert) gereinigt und zurückgegeben, um den psychologischen Schaden zu verringern.
  • Sämtliche kontaminierte Häuser wurden mit speziellen Staubsaugern gereinigt. Dächer, Wände und Decken wurden abgekratzt und neu gestrichen, zwei Dächer mussten komplett ersetzt werden.

Konsequenzen: Die drei Ärzte, denen das verlassene Krankenhaus gehörte, wurden der groben Fahrlässigkeit angeklagt. Seitdem sind Inventarlisten Pflicht.


Kommentieren